Die Anmerkungen der Brüder Grimm zu dem Märchen: Die Bremer Stadtmusikanten

Die Bremer Stadtmusikanten.

Die Anmerkungen der Brüder Grimm zu dem Märchen:
Die Bremer Stadtmusikanten.

Nach zwei Erzählungen aus dem Paderbörnischen. Eine dritte aus Zwehrn weicht darin ab, daß die vier Thiere die Räuber nicht durch Schrecken aus dem Haus wegjagen, sondern friedlich eintreten, Musik machen und dafür von jenen gespeist werden. Die Räuber gehen nun auf Beute aus, und wie sie um Mitternacht heim kehren, begegnet dem der vorausgeschickt wird, das Haus zu erleuchten, was in den andern Erzählungen von dem Kundschafter vorkommt. In Rollenhagens Froschmeuseler unser Märchen Buch 3, Cap. 8 mit der Überschrift „Der Ochs und der Esel stürmen mit ihrer Gesellschaft ein Waldhaus“.

Es lag ein Schenkhaus für dem Holz,
darin wohnt ein Krüger stolz,
war ein Reuterräuber gewesen,
darnach zu einem Schenken erlesen;
das bei den Junkherrn, wie ihr wißt,
der Reuter best Besoldung ist.

Der meint, weil er kein Nachbarn hätte,
so erführ niemand, was er thäte:
trieb so groß Hurerei und Mord
daß es Gott endlich sahe und hort
und ließ den Schelmn mit Hurn und Buben
in seinem Haus und Hofestuben
vom Donner, Blitz und Feur verbrennen;
so lernt er Gottes Eifer kennen.

Dieweil aber keiner Hilfe thät
und überblieb allein die Stätt,
im Holz nach dem Schrecken zusammen
sechs elend Hausgenossen kamen,
der Ochs, Esel, Hund, Katz und Hahn,
die Gans war auch nährlich (kaum) entgahn.

Dieselb ihr große Noth beklagten,
wie sie entkommen waren, fragten
was sie aus den verlornen Sachen
nun hinfort wollten ferner machen,
daß sie nicht würget Wolf und Bär,
als wilde Thier wärn ihr Gefähr.

Da sprach der Hund er wollt sie bald
zu einem Haus bringen im Wald,
das die Zimmerleut bauten fast,
hielten darin ihre Küch und Rast,
als sie ehemals zu Winterszeiten
im Holz die Stadtgebäud bereiten.

Hernach wär sein Herr da gewesen,
wenn er die Kaufleut überlesen,
ihr Geld und Waarn zu Straf genommen,
daß sie nicht blos vom Jahrmarkt kommen:
Sammt und Seiden mit sein Gesellen
ausgetheilt mit der langen Ellen.

Es hät Nothdurft zu allen Dingen,
das die Freibeuter ließen bringen,
und ritten hernach wieder heim,
ließens ein halb Jahr ledig seyn;
käm Zeit, käm Rath und ferner That,
sie wolltens wagen auf Gottes Berath.

Zogen darauf hin für das Haus,
weil aber niemand kam heraus
und die Thür fest verschlossen war,
blieben sie in gleicher Gefahr;
und half nicht daß der Hund umgieng,
die Nas für alle Rißlein hieng
und roch, wer da verborgen lage,
und die Katz nach den Fenstern sahe.

Bis der Ochs sprach „was soll dies wesen?
es nützt uns hie kein Federlesen,
wir müssen die Thür offen haben,
darumb will ich dawider traben.“
Der Esel antwortet „ja recht!
daß aber alle Ding sein schlecht (in Ordnung)

und uns niemand hernacher schelt,
als wär der Anlauf nicht gemeldt,
will ich zuvor auch Lärmen blasen.“
Der Hund leckt auch sein Mund und Nasen
und sprach „ich spring frisch mit hinan,
bell und beiß wie ein Jägersmann“.

Die Katz, Gans, Hahn waren schwach und klein,
wollten doch nicht die letzten seyn,
sondern zugleich vorn auf der Spitzen
den Feind mit Tatzn und Schnäbeln ritzen.

Bald warf der Ochs sein Schwanz empor,
scharrt mit den Klawen das Fußspor,
versucht die Hörner an eim Baum,
sprang mit eim Brüllen auf den Raum.

Der Esel sperrt weit aus den Rachen
ließ sein hicka! schrecklich herkrachen,
der Hund ball und die Katz murmauet,
der Hahn kürlückt, die Gans dradrauet:
gigack! gigack! flog sie daher,
als wenns der römisch Adler wär;
das wunderlich zusammen rasselt,
wie in Wäldern der Donner prasselt.

Damit satzt der Ochs an das Thor,
daß es Riegel und Schloß verlor,
und prallt zurück von dem Zulaufen,
als fiel das Haus über einen Haufen,
wie denn die Einwohner auch dachten:
derhalb nicht lang Bedenken machten,
sondern plötzlich zur Hinderpfort
hinaus stoben zum Sicherort.
Die Gäste blieben in dem Nest,
das war ihnen das liebst und best.

Und als sich kein Wirth darin fand,
erwählt ein jeder seinen Stand.
Der Ochs sagt „zum Stall ich mich füg,
in der Krippen ist Futter zur Gnüg.“
Der Esel sagt „ich bleib bei dir,
was dir gefällt, gefällt auch mir.“
Die Katz sagt „ich sitz auf dem Herd,
ob mir ein Mäuslein wär beschert,
das nach der Speis Geruch ankäm,
und ich für meine Speis annähm.

Ich sitz ohn das gern in der Wärm,
ob ich gleich auch bisweil umbschwärm.“
Der Hund sagt „ich bleib an der Thür,
zu schauen wer wandert dafür;
wenn ich ein Häslein so erwisch,
ich bring es der Katzen zu Tisch.“

Die Gans sagt „ich bleib hinter der Thür,
so kriech ich, wenn ich will, herfür
und such mein Futter in dem Gras;
ich schlaf auch leiser denn ein Has,
und halt mit großen Sorgen Wacht,
es sei bei Tag oder bei Nacht.“

Der Hahn sagt „für des Fuchses List
auf dem Balken mein Schlafstätt ist,
da mich doch niemand müssig findt,
ich ruf die Stund aus und die Wind,
ich meld auch alle fremde Gäst;
jeder verwalt das sein aufs best.“

Indes erholten sich die Thier
die sonst für Schrecken storben schier,
da sie aus ihrem Haus entsprungen.
Die Alten suchten ihre Jungen,
der Mann das Weib, das Weib den Mann
bis einer zu dem andern kam.

da hielten sie Rath ingemein
was doch das Posaunen möcht seyn,
das Feldgeschrei und grausam Prangen,
damit der Haussturm wär angangen:
ob Gespenst oder Mannthier kommen,
wider sie den Krieg vorgenommen.

Es gieng zwar, wie man sagt, vor Jahren,
und sie nun mußten auch erfahren,
wenn ein Schrecken kömmt unversehens,
so gilt es fliehens und nicht stehens.
Wenn ein Schrecken befällt die Helde,
so fleugt Muth, Herz, Mann aus dem Felde;
wie muthig er zuvor auch war,
so ist er denn verzaget gar.

Dennoch wär es im ganzen Lande
ihnen nachzusagen eine Schande,
daß sie wärn großmächtige Herrn,
Leun, Leoparden, Wolf und Bäre,
wußten nicht wer sie heimgesocht,
aus ihrer Wohnung ausgepocht.
Und ward für rathsam angesehen,
der Wolf sollt bei Nacht schleichen gehen,
ins Haus horchen, gründlich erfahren
was ihre Feind für Leute waren,
weil er gewandert wie ein Hund
und derhalben viel sprechen kunnt.

Als er aber kam am Morgen wieder
und sich für Schrecken leget nieder,
kamen sie all zu ihm angehen
und häufig um ihn herumb stehen,
fragten wie er die Sach geworben?
Er sprach „ich war beinah gestorben,
so freundlich ward ich da empfangen;
zur Unzeit war ich ausgegangen.
Sie spielten aber also mit mir,
daß ich nun glaub es sind Mannthier,
oder ja Feldteufel mit unter;
mir widerfuhr nie größer Wunder.

Ich kam dahin umb Mitternacht,
da jeder schlief und niemand wacht,
allein der Hund lag für dem Thor
reckte seine Ohren hoch empor
und bellt als wollt er thörigt werden:
fiel mich an mit rauchen Gebärden,
daß ihm mein Haar beklebt im Munde,
und ich bekam am Hals ein Wunde.

Ich that aber wie ich sonst pflag,
wenn ich beim Hund gefangen lag,
und stellt mich nicht zur Gegenwehr,
gedacht, deinthalb komm ich nicht her,
und sprang damit zur Küch hinein,
vermeint daselbst sicher zu seyn.

Der Küchenjung aber lag auf dem Herd
und blieb für mir gar unverfährt,
wollt Feur und Licht anblasen rasch,
und blies mir ins Gesicht die Asch,
schlug mir die Nagel in die Augen,
wusch mir das Haupt mit solcher Laugen
daß mir das sehen schier vergieng
und ich irr zu kriechen anfieng:

kam in den Stall, eilet zur Pfort,
der Stallbruder erwachet fort,
hub an zu schnauben und zu blasen,
als hätt er eines Leuen Nasen:
faßt mich mit der Gabel gewiß,
gab mir damit einen scharfen Riß
und warf mich hin ins Jungenlager,
da kam ich erst zum bösen Schwager.

Der plumper, tölpscher, loser Fischer,
der grobianscher Stiefelwischer
in dem blinden Lärmen unfug
zu mir mit der Kratzbürst einschlug,
eben als wenns ein Prietschholz wär:
er traf gewis und leider schwer,
daß ich zum Stallknecht fiel hernieder,
der faßt mich mit der Gabel wieder
und warf mich über sich herunter;
daß ich leben blieb, hat mich Wunder.

Ich lag da mehr denn halber todt,
bat um Gnad, klaget meine Noth,
aber sie ließen mir keine Ruh,
traten mit Füßen auf mich zu,
bis ich zuletzt mich noch erholt
und nach dem Thor hinlaufen wollt.“

Da war der ein Wächter erwacht,
rief vom Söller mit aller Macht
„wacht auf! wacht auf! wacht auf! wacht auf!“
Ich gedacht „lauf, o mein Kerle, lauf.“
der Posauner blies auch und sprach
„eilt hinten nach, eilt all hernach!“

„Als ich aber die Thür einnahm,
sitzt der Reitschmid hinter der Thür
greift mit der glühenden Zang herfür
in meinen Schwanz, daß er gleich zischt.
Da ich nun mein ich sei entwischt,
faßt mich noch der Hund bei dem Ohr,
das ich lieber denns Haupt verlor;

hätt er den Darm erhascht gewis,
den mir die Strohgabel ausriß,
ich hätte da müssen auf der Straßen
beim Eingeweid mein Leben lassen.
Ich zweifel auch nicht, wenn wir nicht laufen,
es wird folgen der helle Haufen
und uns sämptlich allhie ermorden,
wie ich verstund aus ihren Worten.“

Die Red bracht allen solch ein Schrecken
daß jeder lief sich zu verstecken
und die Hausleut ohn Ansprach
beinander hatten gut Gemach.

Aus den wilden Waldthieren sind in unserm Märchen Räuber geworden. Jenes ist wohl ursprünglicher, da in dem lateinischen Reinhart Fuchs (Isengrimus 529 folg.) eine Fabel vorkommt, wonach Ziege, Bock, Fuchs, Hirsch, Hahn und Gans reisen, sich in einem Waldhaus aufhalten und den dazu kommenden Wolf anführen, wie es auch in einem Märchen der Siebenbürger Sachsen erzählt wird (bei Haltrich Nr. 4), womit Nr. 41 näher verwandt ist. Überhaupt ist zu merken daß hier die stärkern, wilden, mächtigen getäuscht werden (wie in Nr. 102), wie Zwerge die Riesen überlisten. Vollständiger ist insoweit Rollenhagen als auch der Ochs und die Gans bei ihm auftreten, und besonders ist bei letzterer der gute Zug zu merken, daß ihr Schnabel von dem Erschrockenen für eine glühende Eisenzange gehalten wird. Eine schwäbische Erzählung von dem Räuber und den Hausthieren findet sich bei Meier Nr. 3. Vergleiche zum Ganzen die Wirthschaft des Lumpengesindels (Nr. 10). 

Quelle

Die Bremer Stadtmusikanten

Postkarte entdeckt im SchnoorArchiv im Bremer Geschichtenhaus.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s