Der doppelte Schatten (Eine Sage aus dem Teufelsmoor)

Der doppelte Schatten

In der freien und Hansestadt Hamburg sollte ein ungarischer Söldner hingerichtet werden, weil er im langen Krieg auf der anderen Seite gekämpft und manchen Soldaten getötet hatte. Der Mann aber wollte nicht sterben und rief in seiner Todesangst den Teufel. Der Pferdefüßige, diabolisch erfreut über die Aussicht auf Höllenspuk unter den Menschen, kam ohne Umschweife und verhieß dem Magyar ein langes Leben; jedoch unter einer Bedingung: Er müsse einen zweifachen Schatten werfen, einen nach vorn und einen nach hinten – es sei denn, so merkte der Teufel grinsend an, „eine zweite goldfahle Scheibe, wie diese da“ – und er deutete auf die bleiche Morgensonne hinter den Gitterstäben – „würde eines Tages am entgegengesetzten Horizont in den Himmel steigen“. „Nichts gegen zwei Schatten“, rief der erbärmlich schlotternde Haudegen. Er ließ sich vom Höllenfürsten aus dem Verlies bringen, und da er, wie vom Teufel beabsichtigt, die Menschen auf den Straßen in Angst und Schrecken versetzte, floh er westwärts. So erreichte er das Teufelsmoor.
Nun waren die Moorleute auf den Warften und in den kleinen Gemeinden gewiß nicht furchtsam. Sie hatten schon das Toben der Herbststürme überstanden, sie wußten, daß sich der unheimliche Nebel wie eine riesige Hand formen konnte, und sie kannten das Rumpeln in den Öfen: Mit festem Blick und geistiger Standfestigkeit war allen Erscheinungen beizukommen. Diesmal aber zitterten selbst sie, wenn der Mann mit dem doppelten Schatten auftauchte. Die Mägde mochten das Haus nicht mehr verlassen. Die Händler hatten keine Zulauf mehr. „Seid ihr denn alle Hasenfüße?“ tobte der Bauer vom Meierhof. Er war der größte und reichste und besaß zudem eine bildschöne Tochter, die er für jeden Mann zu schade fand. „Befreit unsere Straßen von dieser Spukgestalt!“ befahl der mächtige Mann. „Seid ihr denn mit eurem Verstand am Ende? Ihr Einfallspinsel, allesamt! Ich such‘ einen Kerl, der mit der Erscheinung fertig wird, dieser wird dann meine Tochter erhalten.“ Nun, niemand anders als der ärmste unter den Ansiedlern wagte sich an den unseligen Ungarn mit den ruhelos blickenden Augen. Er ließ sich von ihm den Hergang des Teufelspaktes berichten. Dann lud er die unglückliche Gestalt für den nächsten Morgen, just nach Sonnenaufgang, in seine Kate ein. Die Stunde kam. Der unheimliche Fremde tauchte auf, beschienen von dem zaghaften Licht der Morgensonne. „Hela!“ erklang ein Ruf. Der Besucher wandte den Kopf und sah den jungen Bauern, der einen Pfannkuchen in die Höhe schleuderte: goldgelb und butterglänzend, eine prächtige abgezirkelte Scheibe, in Form und Farbe so beschaffen, wie es vom Teufel für die Lösung des Bannes gefordert war. Fort war der doppelte Schatten, und der befreite Ungar warf sich dem Burschen in die Arme; dieser wiederum wenig später in die Arme der schönen Tochter des Meierhofes. – Die Hochzeit dauerte drei volle Tage, und mit der Braut kam eine unerhörte Mitgift in die Ehe.

Auf den Spuren der Brüder Grimm von Hanau nach Bremen

Aus „Auf den Spuren der Brüder Grimm von Hanau nach Bremen: Märchen, Sagen, Geschichten
1.Auflage 1978 von Eberhard Michael Iba, unter Mitarbeit von Walter Iba.

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